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Die 9. Kinder-Kultur-Nacht 2013 im Gewölbekeller

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Liebe Gäste,

ich bin neun Meter lang, sechs Meter breit, 3.5 m hoch, liege nicht parallel zur Strasse und nicht unter dem ganzen Haus. Das lässt daraf schließen, dass früher über mir ein schmaleres Haus mit dem Giebel zur Strasse stand.

Gebaut wurden wir wahrscheinlich im 12 oder 13 Jahrhundert, erweitert im 14 Jahrhundert - ich schön gewölbt und das Haus im Ständerbau. Wir gehörten zum Stiftsbezirk der Marienkirche. Die Pfarrkirche am Ende der Rittergasse wurde nämlich 1298 in eine Stiftskirche umgewandelt. Viele Menschen haben damals für ihr Seelenheil Geld und Gut gestiftet, so auch Theodorich Thilch und seine Ehefrau Gertrud von Cremela aus der Fleischgasse (heutige Lutherstrasse) Waren das vielleicht meine Eigentümer? Na, eigentlich bin ich sicher, dass in meinem Haus, das zum "Zirkel der Domherren" gehörte, auch Domherren wohnten. So ein bisschen Heiligkeit müsst ihr mir schon lassen.

Geschäftstüchtig waren die Stiftsherren natürlich auch. Schon 1368 haben sie mit dem Stadtmagistrat einen Vergleich geschlossen, vom Wasser des Stiftsbrunnen die Hälfte an die Stadt abzugeben. 1524 wurde dieses Zugeständnis noch erweitert. Die Stadt baute auf eigene Kosten Wasserröhre, um den Überlauf des Brunnens zu einem nahe dem Markt gelegenen Brauhaus zu führen. Von diesem Wasser haben natürlich auch die Bewohner des Hauses profitiert.

Denn Wein, der in großen Fässern in meinem Gewölbebauch lagerte, konnte gut gekühlt ausgeschenkt werden. Auch der kleine Martin, der damals bei Familie Cotta am Anfang der Fleischergasse wohnte, hat für seine Ziehmutter hier Wein geholt.

Nach der Reformation hatte keiner mehr Interesse am Mariendienst, der Mariendom verfiel und die Stiftsherren verschwanden. Gut bürgerlich ging es jetzt in meinem Haus zu.

Im 18. Jahrhundert hatten meine Hausherren so viel Geld, um über mir ein neues Haus errichten zu können. Mit einer Freitreppe in der Mitte, die weit in den Strassenraum reichte. Die Fußböden im Erdgeschoss bekamen breite Schlossdielen und die Decken im Obergeschoss wurden mit Stuck verziert. Ein wahrhaft herrschaftliches Haus mit einem großen Garten. Es wurde herausgeputzt, die Zimmerwände mit handgedruckten Papiertapeten und Bemalungen gestaltet. Damals wohnte der Stadtmusikus Rose hier.

Die Stadtwache sorgte für Ordnung und manch Trunkenbold nüchterte in dem kleinen Gefängniszimmer im Obergeschoss aus.

Von dem Eigentümer Herrn Maurermeister Gottlob Freitag wurde meine Hausfassade 1886 so verändert, wie ihr sie heute seht. Weg war die große Treppe!

Während des Krieges wurde dem Revierförster August Braun eine Ausnahme vom Bauverbot erteilt, um Reparaturarbeiten am westlichen Giebel durchführen zu können, sogar der Bezug von 12 Rollen Tapete musste von der Wohnungsstelle freigegeben werden.

Aber mit der Baumaterialversorgung wurde es nach dem Krieg nicht besser. Haben sich meine Hausbewohner, Herr Otto Köllner 1966 und Frau Christa Geiß 1985 mit dem Stadtbauamt zur Bereitstellung von Leistungen der Bauwirtschaft herumgeschlagen!

Mein Haus war schon fast am Ende, als uns 1999 Familie Schindler kaufte. Nun wird über mir wieder gewerkelt!

Der alte Kater, der 18 Jahre hier wohnte, inzwischen leider schon gestorben, schnurte mir nachts die Baugeschichten vor. Langsam, so wie eben das Geld reicht, wird gebaut. Dafür bleibt aber auch Zeit für kleine Dinge, liebevoll aufgehoben und aufgearbeitet.

Lasst euch oben von Lydia Schindler, meine verehrte Hausherrin, mehr erzählen....

 

Euer Keller von der Lutherstrasse 24.